Thingstätten: vom Umgang mit Orten der NS-Zeit in der Gegenwart

Shownotes

Skript: Esther Rüßler (ConflictA) Michael Papendick (ConflictA), Katharina Bosse (Hochschule Bielefeld)

Moderation: Esther Rüßler (ConflictA)

Perspektiven: Berenike Herrmann (Universität Bielefeld/ Besucherin Thingstätten-Ausstellung im Rahmen der Bielefelder Nachtansichten); Katharina Bosse (Hochschule Bielefeld), Bernhard Gelderblom, Hameln (freier Historiker), Dirk Adomat (Landrat des Landkreises Hameln-Pyrmont)

Musik von www.musicfox.com.

Unterstützung in der Konzeption & Produktion durch das Team Medienpraxis des BITS Space der Universität Bielefeld.

Quellen und Material: Plattform www.thingstaetten.info https://rundblick-niedersachsen.de/war-es-ueberfaellig-oder-ein-verrat-streit-ueber-bueckeberg-ist-noch-nicht-zu-ende MEMO-Studien https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-studie/; https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/memo-jugendstudie/ Buch: Katharina Bosse (Hg.): Thingstätten. Von der Bedeutung der Vergangenheit für die Gegenwart: https://www.geymueller.de/de/978-3-943164-54-1. MEMO-Impulskartenset „Über das Erinnern“ der ConflictA https://www.conflict-a.de/themen/erinnerung-im-wandel/memo-impulskartenset/

Weitere Ressourcen rund um das lokale Erinnern: https://www.mkw.nrw/themen/weiterbildung-und-politische-bildung/weiterbildung/erinnerungskultur-staerken https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/localhistory/ https://arolsen-archives.org/mitmachen/arolsen-school/lebendige-erinnerung-vor-ort/ https://www.gedenkstaettenforum.de/uploads/media/GedRund87_25-28.pdf https://www.annefrank.de/fileadmin/Redaktion/Bildungsarbeit/Bilder/Projekte/Geschichte_vor_dem_Schultor/Dokumente/1708_GeschichteSchultor_Handreichung_final-2.pdf

Transkript anzeigen

00:00:00: Also ich verbinde damit tatsächlich erstmal so ganz biografisch Ausflüge mit meinem Vater, der historisch sehr interessiert ist.

00:00:06: und uns verschiedene Orte gezeigt hat, wo die Nationalsozialisten Städten eingerichtet haben um sich zu treffen.

00:00:12: Und meine Verständnis nach satteln die damit auf.

00:00:16: Ich finde es ist extrem wichtig diese Reste, die ja irgendwie auch Vordau nicht nur tatsächlich in der Natur oder sozusagen in diesen Objekten sondern auch im Denken sichtbar zu

00:00:24: machen.".

00:00:25: Es gibt viele Orte in Deutschland, die Teil der Geschichte des Nationalsoziellismus sind.

00:00:30: Häufig ist uns dies gar nicht bewusst!

00:00:33: So wie wir eben gehört haben.

00:00:35: Wir beschäftigen uns heute mit den sogenannten Thingstätten, als Beispiele für vergessene oder verdrängte Orte aus der NS-Zeit – also der Zeit des Nationalsozialismus und fragen uns nach ihrer Bedeutung für die Gegenwart!

00:01:00: Herzlich willkommen zur heutigen Folge unseres Podcasts Zankapfel Konflikte.

00:01:05: kurz erklärt dem Podcast, in dem wir Konflikte aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen und nachfragen wo es unbequem wird.

00:01:14: Mein Name ist Esther Rüßler und ich arbeite an der Konfliktakademie ConflictA der Universität Bielefeld.

00:01:21: Ich begleite euch durch die heutige Episode, in der es um Orte geht, die Geschichte erzählen oder eben manchmal auch nicht erzählen!

00:01:30: Kennst du Orte in der Nähe deines Wohnumfeldes, die eine Verbindung zu der Zeit des Nationalsozialismus haben?

00:01:43: Die Thingstätten sind ein Bauprojekt des Nationalsozialismus.

00:01:46: Das weitgehend unerforscht ist!

00:01:49: Sie sind zwischen neunzehnhundertdreiunddreißig und -fünfunddreißig geplant und gebaut worden – auch wenn einige von ihnen erst in den folgenden Jahren fertiggestellt wurden.

00:01:59: Es handelt sich dabei um Freilichtamphitheater.

00:02:03: Der Begriff Thing stammt aus dem Germanischen und bedeutet so viel wie Volksversammlung.

00:02:09: Vierhundert Thingstätten sollten im damaligen Reichsgebiet gebaut werden, das heißt im heutigen Deutschland, Polen und Russland.

00:02:17: Sechzig wurden gebaut – vierzig bis fünfzig sind heute noch in den drei Ländern auffindbar!

00:02:22: Die in den Thingstädten aufgeführten Stücke wurden Thingspiele genannt.

00:02:27: In ihnen standen teilweise fast genauso viele Menschen auf der Bühne als im Publikum.

00:02:32: Es handelte sich um chorische Massenspiele.

00:02:35: Sie sollten die sogenannte Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus stärken und Menschen das Gefühl geben, Teil von etwas Größerem zu sein.

00:02:44: Auch wenn der Nationalsocialismus immer weiter aufgearbeitet wurde gibt es immer noch Orte der NS-Vergangenheit, die nichts über ihre Geschichte erzählen.

00:02:53: Thingstätten sind ein solches Beispiel.

00:02:56: Meistens sind es vor Ort engagierte Einzelpersonen oder Initiativen die diese Orte widersichtbar machen und aufzeigen, wie alltäglich die Ideologie des Nationalsozialismus in der Zeit von neunzehnhundertdreiunddreißig bis -fünfundvierzig war.

00:03:12: Perspektiven Das Kunstprojekt Thingstätten ist ein Beispiel für eine solche Initiative.

00:03:18: Das Projekt beschäftigt sich künstlerisch mit diesen, heute Vielen unbekannten Orten.

00:03:23: Angetrieben von Neugier, Entdeckergeist oder auch Trauer und Schmerz setzen sich diese internationalen Künstler*innen im Projekt dafür ein zurück zu blicken und nicht vergessen.

00:03:35: Eine Frage die sie eint ist der heutige Umgang mit Thingstätten.

00:03:39: Durch ihre eigene Auseinandersetzung eröffnen Sie anderen Menschen sinnliche Zugänge zu diesem Teil der NS-Geschichte.

00:03:47: Gründerin des Thingstättenprojekts ist die Künstlerin und Professorin der HSBI Hochschule Bielefeld, Katharina Bosse.

00:03:54: Ich

00:03:55: mache dieses Projekt seit zweitausendzwölf mit einer großen Gruppe von Fotograf*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen.

00:04:03: Wir haben uns auf die Spurensuche gemacht und haben den heutigen Zustand dieser Bauwerke dokumentiert freie Kunstprojekte dazu hergestellt.

00:04:14: Die haben eine sehr große Ästhetik, auch die Thingstätten.

00:04:17: also wenn man die so trifft, wenn man durch den Wald geht und trifft dann auf so ne Thingstätte ist das ja auch was sehr ästhetisches.

00:04:22: aber die Thingtätten stehen für mich halt für eine Form der Vergangenheitsuntersuchung, die heute schwer zu fassen ist als sie sind zwischen dreiunddreißig und fünfunddreißig gebaut worden.

00:04:32: es ist eine Zeit wo es in vielen auch kleineren und mittleren Gemeinden auch eine große Zustimmung gab zu Hitler, die dann im Nachhinein ja komplett geleugnet wurde.

00:04:41: Es gab aber keinerlei Vorschrift, dass Thingstätten gebaut werden müssen.

00:04:44: Also alle Orte, die Thingstädten gebaut haben, haben das freiwillig und aus eigenem Engagement gemacht.

00:04:49: Aus den Memo-Studien wissen wir, dass viele Menschen wenig oder auch gar nichts über die nationalsozialistische Geschichte des eigenen Wohnorts wissen – und das obwohl sie die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus prinzipiell wichtig und interessant finden!

00:05:05: Wir sehen für diese Widersprüchlichkeit zwei mögliche Gründe.

00:05:09: Zum einen gibt es an vielen Orten wenig sichtbare Erinnerungskultur, zum Beispiel in Form von Gedenktafeln.

00:05:16: Zum anderen deutet es vielleicht auch auf einen stärkeren Widerstand hin NS-Geschichte vor der eigenen Haustür sichtbar zu machen – dabei vielleicht sogar Unangenehme, familiäre oder wirtschaftliche Bezüge aufzudecken!

00:05:30: Vielleicht gedenken wir lieber an dafür vorgesehenen Orten?

00:05:34: wie Gedenkstätten an ehemaligen Konzentrationslagern, die wir betreten und verlassen können.

00:05:40: Und lieber nicht an alltäglich sichtbaren Orten im eigenen Wohnumfeld!

00:05:45: Dadurch kann zugleich auch das Bewusstsein für das gesamtgesellschaftliche Ausmaß der NS-Verbrechen gering sein und bleiben.

00:05:53: Eine Thingstätte, die auf der Plattform des Projekts von Katharina Bosse dargestellt ist, ist Bückeberg in Niedersachsen.

00:06:00: Mittlerweile ist hier ein Dokumentationszentrum entstanden. Ein Beispiel für private lokale Initiativen.

00:06:06: Doch manchmal bekommen diese auch Gegenwind von der lokalen Bevölkerung, es sind häufig nicht viele und dennoch können sie Projekte verzögern wie es auf dem Bückeberg der Fall war.

00:06:16: Seit Mitte der neunziger Jahre setzte sich der Geschichtslehrer und Historiker Bernhard Gelderblom für ein Dokumentationsort auf dem Bückeberg ein.

00:06:25: Aus der nahegelegenen Gemeinde Emmertal gab's Stimmen wie man wolle doch die Vergangenheit ruhen lassen.

00:06:32: Es drohe, ein Wallfahrtsort für Neonazis zu werden.

00:06:35: Die Verkehrsbelastung würde steigen oder es werde alles zu groß und zu teuer.

00:06:41: Doch trotz Anfeindungen und Beschimpfungen ließ sich Bernhard Gelderblom nicht entmutigen.

00:06:46: Er bekam Unterstützung durch Lokalpolitiker die Versuchten zu vermitteln.

00:06:50: In dem Jahr ist der Erinnerungsort schließlich eröffnet.

00:07:02: Bernhard Gelderblom und Dirk Adomant geht es bei der Einrichtung dieser Dokumentationsstätte auf dem Bückeberg, insbesondere um die Wirkung des Ortes.

00:07:09: Hunderttausende Menschen reisten für die Reichsernte Dankfeier nach Emmertal.

00:07:14: Ein großes Event in einer kleinen Gemeinde!

00:07:32: der Nationalsozialisten wie Goebbels und Hitler.

00:07:37: Und um die Wirkung, die sie auf die Menschen hatten –

00:07:41: auch

00:07:41: um die Art und Weise, wie die Menschen in ihren Jubel ihre Dankbarkeit darbeachten!

00:07:47: Wir erleben in diesem Landkreis auch wie nachhaltig diese Propaganda waren.

00:07:51: Das waren höchst positive Bilder, die man verkauft hat und die man vermittelt hat.

00:07:55: Und das wirkt immer noch in der Bevölkerung, in einigen Teilen der Bevölkerungen nach weil gerade ältere Menschen, die es hier erlebt haben ja auch was Positives damit verbinden.

00:08:05: aber hier an diesen Dokumentationsort wird jetzt gerade gezeigt wie diese Verführung funktioniert hat und ich hoffe, es wird auch einigen Menschen einiges klarer.

00:08:13: Die Auseinandersetzung mit Orten des Nationalsozialismus in der Nähe des eigenen Wohnortes kann eine gesamtgesellschaftliche Wirkung haben.

00:08:21: Durch den lokalen Bezug zu Schicksalen von Opfern, zu Täter*nnen und Mitläufer*nnen werden neue Zugänge sicht- und spürbar.

00:08:30: Sie schaffen ein Verständnis für die Zeit des Nationalsozialismus im Alltäglichen und können auf diese Weise vielleicht sogar für menschenfeindliche Ideologien im Hier und Jetzt sensibilisieren.

00:08:41: Dafür braucht es aber lokal interessierte und engagierte Menschen, und bestenfalls Strukturen, die diese Auseinandersetzung vor der eigenen Haustür ermöglichen und unterstützen.

00:08:54: Und jetzt?

00:08:55: Das Thingstättenprojekt macht Orte sichtbar die teilweise über Jahre hinweg unsichtbar waren.

00:09:01: Es sammelt darüber hinaus Projekte, die auf lokale Spurensuche der NS-Vergangenheit gehen, die vielen Menschen nicht bekannt sind.

00:09:09: Einige davon findet ihr in den Shownotes.

00:09:11: Natürlich wissen wir insgesamt schon vieles über die Geschichte des Nationalsozialismus.

00:09:16: Doch es gibt lokal noch immer Neues zu erforschen und zu entdecken und sichtbar zu machen – auch wenn dafür oftmals Widerstände überwunden werden müssen!

00:09:33: Konflikte kurz erklärt.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.