Jugendkriminalität: Jugend unter Generalverdacht?
Shownotes
Zum Weiterlesen:
Sozialräumliche Einflussfaktoren der Jugenddelinquenz. Ergebnisse der kriminologischen Forschung
https://tobias-lib.ub.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/142440/Baier_180.pdf?sequence=1
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00:00:00: Es passiert immer wieder.
00:00:01: Jugendliche werden straffällig, prügeln andere Krankenhausreif, dielen mit Waffen oder Drogen.
00:00:08: Früher ist es besser.
00:00:10: Ja, früher, Kinder hat schon Respekt.
00:00:12: Hemmungsloser als damals,
00:00:14: habe ich das Gefühl.
00:00:15: Sicherlich habt ihr auch die ein oder andere Aussage im Alltag mitbekommen.
00:00:20: Kinder und Jugendliche würden zunehmend respektloser, verwahrlosen oder driften ab.
00:00:25: Sie hätten sich früher besser benommen und an Gesetze gehalten.
00:00:29: Aber ist das so?
00:00:30: Oder schimpft einfach jede Generation neu über die Jugend?
00:00:41: Herzlich
00:00:47: willkommen zur neuen Folge von Zankapfel, Konflikte kurz erklärt, dem Podcast, in dem wir Konflikte aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen und nachfragen, wo es unbequem wird.
00:00:59: Ich bin Jessica Kengataran und arbeite an der Konfliktakademie Konflikter am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung im Bereich Jugendbildung und Partizipation.
00:01:10: Ich freue mich, dass ihr eingeschaltet habt.
00:01:13: In der heutigen Folge geht es um Jugendliche, speziell um Jugendkriminalität.
00:01:18: Ein fortlaufendes Thema in der Gesellschaft, das generationsübergreifend immer wieder in Erscheinung tritt.
00:01:24: Wie wollen wissen?
00:01:25: Wie dramatisch ist die Kriminalität unter Jugendlichen wirklich?
00:01:29: Und warum wird so oft darüber diskutiert?
00:01:32: Was denkst du?
00:01:33: Sind Jugendliche heutzutage straffälliger?
00:01:43: Zuerst zu der Frage, über wen sprechen wir hier eigentlich?
00:01:47: Nach der Definition des deutschen Jugendinstituts bezeichnet Jugendkriminalität Straftaten, die von Menschen im Alter zwischen vierzehn und siebzehn Jahren begangen werden und gegen geltende gesetzliche Normen verstoßen.
00:02:00: Dabei handelt es sich um Personengruppen, die zwar straffmündig, jedoch minderjährig sind und sich meist noch im schulpflichtigen Alter befinden.
00:02:09: In der Regel stehen sie unter der Aufsicht ihrer Erziehungsberechtigten.
00:02:13: Ein zentraler Einflussfaktor ist zudem die pubertäre Entwicklungsphase, in der sich Jugendliche befinden.
00:02:20: Viele Jugendliche werden nämlich spontan und schlicht aus Impulsivität straffällig und häufig in Gruppenkonstellationen.
00:02:27: In der Forschung spricht man hierbei von situativer oder gruppendynamischer Kriminalität.
00:02:33: Und um welche Arten von Straftaten geht es?
00:02:36: In den allermeisten Fällen handelt es sich um sogenannte Bagatelldelikte, also kleinere harmlose Vergehen wie Bus und Bahnfahren ohne Fahrschein, Sachbeschädigung und kleinere Ladendiebstelle.
00:02:49: Die meisten schweren oder wiederholten Straftaten werden nicht von der Mehrheit der Jugendlichen begangen, sondern von einer vergleichsweise kleinen Gruppe.
00:03:01: Uns haben die Meinungen von Studierenden zu dieser Frage interessiert.
00:03:05: Deshalb haben wir sie hier auf dem Campus dazu befragt.
00:03:08: Was verbindet ihr mit Jugendkriminalität?
00:03:11: Was seht oder hört ihr in den Medien dazu?
00:03:14: Was ist euer persönlicher Eindruck?
00:03:16: Ich habe schon so mitbekommen, dass in der Gesellschaft das, glaube ich, häufiger wird.
00:03:20: So wäre jetzt mein Eindruck und auch irgendwie radikalisierter.
00:03:24: Also was man teilweise so mitbekommt, auch so in den
00:03:28: Schulen.
00:03:28: Ich hätte jetzt aber irgendwie aus dem Bauchgefühl gesagt, dass momentan halt so Jugendkriminalität vielleicht eher so im Bereich von so Kleinkriminalität ist.
00:03:36: Also halt eher so was wie Sprain oder irgendwie so kleinere Delikte.
00:03:41: Aus dem Bekanntenkreis bekomme ich nur mit, dass es um Drogen Geht in die Richtung.
00:03:47: Mein Eindruck ist, dass auf jeden Fall Menschen mit Migrationshintergrund
00:03:53: böser
00:03:54: dargestellt werden, als sie eigentlich sind.
00:03:57: Also man bekommt öfters mit, dass es sich hauptsächlich um Leute mit Migrationshintergrund vor allem wegen dem Namen kommt, ob das so ist.
00:04:05: Ich weiß es nicht, ich wage es zu bezweifeln, weil das hat ja eigentlich mit dem Namen und der Nationalität eigentlich nichts zu tun.
00:04:10: Wer kriminell wird und warum?
00:04:12: eher mit sozialem Umfeld und Aufstiegschancen.
00:04:15: Die Stimmen der Studierenden zeigen, wie unterschiedlich Jugendkriminalität wahrgenommen wird, geprägt von persönlichen Erfahrungen, medialen Bildern und individuellen Einschätzungen.
00:04:25: Grundsätzlich gilt, Jugendliche sind oft gleichzeitig Täterinnen und Opfer.
00:04:30: Das hängt häufig mit ihrer sozialen und wirtschaftlichen Situation zusammen.
00:04:34: Zum Beispiel mit familiärer Gewalt, Drogenproblemen oder sozialer Ausgrenzung.
00:04:40: Und oft auch mit einem Umfeld, in dem viele ähnliche Erfahrungen gemacht werden.
00:04:45: Dieser Teufelskreis beginnt oft mit einem Gefühl, abgehängt zu sein.
00:04:49: Die Sinus-Jugendstudie, in dem sie im Jahr ist, zeigt, dass viele Jugendliche genau wissen, dass sie benachteiligt sind.
00:04:56: Sie wollen aber dazugehören und Teil dieser Gesellschaft sein.
00:05:00: Doch wenn Chancen fehlen, wächst Frust.
00:05:03: Das kann dazu führen, dass die Breitschaft zu Gewalt steigt.
00:05:07: Diese Einflussfaktoren können bewirten, dass Benachteiligung zu einem Kreislauf normabweichenden Verhaltens wird.
00:05:14: Die statistischen Zahlen zeigen jedoch ein anderes Bild, als viele denken.
00:05:18: In den Medien entsteht oft der Eindruck, Straftaten würden zunehmen.
00:05:23: Aber die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt, Jugendkriminalität nimmt eigentlich ab.
00:05:29: Zwischen sieben und siebzehn ist die Zahl Jugendlicher Tatverdichtiger um über zwanzig Prozent gesunken, vor allem bei Gewaltdelikten.
00:05:38: Auch Dunkelfellstudien kommt zu demselben Ergebnis.
00:05:41: Die Zahlen gehen zurück.
00:05:43: Das negative Bild von Jugendlichen hält sich trotzdem.
00:05:47: Das heißt, die Zahl Jugendlicher Tatverdächtiger ist im Vergleich zu vor fünfzehn Jahren deutlich gesunken, was sich auch in der rückläufigen Gesamtzahl der TäterInnen widerspiegelt.
00:05:59: Viele der registrierten Fälle sind eher kleinere Delikte, wie z.B.
00:06:03: fahren ohne Ticket, Ladenliebstahl oder Sachbeschädigung.
00:06:08: Soziale, familiäre und ökonomische Einflussfaktoren spielen dabei eine maßgebliche Rolle.
00:06:15: In einigen Studierenden Meinungen kam auch das Thema Migrationsgeschichte auf, vor allem im Zusammenhang mit der medialen Darstellung von Jugendkriminalität.
00:06:25: Die Einschätzung der Studierenden war dabei klar, das hat nicht direkt miteinander zu tun.
00:06:30: Entscheidender sind das soziale Umfeld und die Aufstiegschancen.
00:06:35: Und das ist richtig.
00:06:36: Auch wenn Jugendkriminalität häufig mit Zuwanderungen in Verbindung gebracht wird, ist dieser Zusammenhang so nicht direkt zutreffend.
00:06:44: Wir wollten es genauer wissen und haben unseren Kollegen dir Klampe gefragt.
00:06:49: Er ist Kriminaloge, beschäftigt sich also wissenschaftlich mit Verbrechen und Gewalt und hat auch bereits zu Jugendkriminalität geforscht.
00:06:57: Wenn man es einmal gesamtgesellschaftlich betrachtet, zeigen eigentlich internationale Studien, dass die Kriminalitätsrate einer Gesellschaft und die Zuwanderungsrate in keinem signifikanten Verhältnis zueinander steht.
00:07:10: Wir können aber sehen, dass zumindest im Hellfeld, wenn man In einer Gesellschaft schaut oder für Deutschland schaut, ist es so, dass Personen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben oder denen eine Zuwanderungsgeschichte zugeschrieben wird, in den Daten überrepräsentiert sind, also öfter auffällig werden, als ihr Anteil an der Bevölkerung ist.
00:07:30: Auf die Schwächen der polizeilichen Kriminalstaatssitzung kann man hier jetzt wahrscheinlich nicht eingehen, aber die hat Schwierigkeiten, Realität in dem Sinne zu erfassen.
00:07:37: Deswegen ist man auf dieser sogenannten Dunkelfeld.
00:07:40: Studien angewiesen, also wo selbst berichtet Jugendliche in dem Fall gefragt werden, wenn es darum geht, ob sie Straftaten begonnen haben oder nicht und dann verschwinden diese Effekte größtenteils.
00:07:54: Und jetzt?
00:07:55: Steigende Jugendkriminalität scheint in der Gesellschaft als Vorurteil hartnäckig zu bestehen.
00:08:00: Statistiken und empirische Studien zeigen, dass die Jugendkriminalität in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich zurückgegangen ist.
00:08:08: Eine vermeintliche Verwahrlosung von Jugendlichen ist ein Generationsübergreifendes Vorurteil, das, so scheint es, von Generation zu Generation weitergegeben wird.
00:08:19: Jugendkriminalität hat soziale, familiäre und ökonomische Ursachen.
00:08:24: Letztere ist insbesondere mit Hinblick auf die steigende Kinderarmut nicht zu vernachlässigen.
00:08:30: Wenn wir genauer hinsehen, stellen wir also fest, Jugendkriminalität ist weniger eine Frage von böser Jugend, sondern von sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung.
00:08:41: Zunächst sollten generationsübergreifende Vorurteile über die Verwahrlosung von Jugendlichen entkräftigt, reflektiert und durchbrochen werden.
00:08:51: Jugendliche sollten in ihrer Gefühlswelt und in ihren Lebensverhältnissen ernst genommen werden.
00:08:58: Ihnen sollte mehr demokratische und gesellschaftliche Mitbestimmung zugesprochen werden.
00:09:03: Jugendliche haben nämlich ein Bewusstsein für gesellschaftliche Teilhabe und Verantwortung.
00:09:08: Maßnahmen zur Prävention könnten im Bereich Antidiskriminierung liegen, also wie wir als Gesellschaft Kinder und Jugendliche vorurteilsfrei und ohne Herablassung begegnen können.
00:09:20: Ein weiteres präventives Vorgehen wäre die Stärkung von Fachkräften wie Sozialpädagoginnen oder Sozialarbeiterinnen, um in schwierigen sozialen und familiären Verhältnissen wirksamer ansetzen zu können für insbesondere sozial benachteiligte Jugendliche.
00:09:36: In den meisten Fällen werden Kinder und Jugendliche nämlich nicht erneut straffällig und es handelt sich meist um eine vorübergehende Phase.
00:09:44: Nun kommen wir zum Ende dieser Folge und ich bedanke mich für Ihr Interesse zu diesem Thema.
00:09:49: Für einen weiteren inhaltlichen Einblick über das Thema Jugendliche empfiehlt es sich, die Folge zuvor über Jugend von Nikol Noldemeyer anzuhören.
00:09:57: Vergesst nicht, uns für weitere spannende, gesellschaftsrelevante Themen auf unseren Social-Media-Kanälen wie Instagram, Blue Sky und LinkedIn zu
00:10:11: folgen.
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