Anschläge und ihre Wirkung: Was macht Terror mit uns?

Shownotes

Weiterführende Materialien zur Aufarbeitung von Anschlägen im Kontext Schule: https://ufuq.de/wp-content/uploads/2022/03/Broschuere-Islamistische-und-rassistische-Anschlaege-Webfassung-final.pdf;"" https://www.clearing-schule.de/materialien-publikationen

Skript: Kerstin Eppert und Mareike Wilke, ConflictA/Uni Bielefeld Moderation: Kerstin Eppert, ConflictA/Uni Bielefeld Perspektiven: Viktoria Roth, IKG/Uni Bielefeld Tobias Hecker, IKG/Uni Bielefeld lka Werner, Superintendentin, Solingen Lisa Kretschmer, Bielefeld Mareike Wilke, ConflictA/Uni Bielefeld

Audiomaterial: NDR Info (ARD-Mediathek) „Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Magdeburg“] vom 20.12.2024, https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:29673164efd812a7/

Musik von www.musicfox.com.

Unterstützung in der Konzeption & Produktion durch das Team Medienpraxis des BITS Space der Universität Bielefeld.

Transkript anzeigen

00:00:00: Der Schock ist groß in Magdeburg und ganz Deutschland.

00:00:03: Am Abend ist ein Mann mit einem Auto, einem BMW auf den Weihnachtsmarkt am Magdeburger Rathaus gerast muss man sagen.

00:00:11: Mit hoher Geschwindigkeit legte er vierhundert Meter Strecke zurück.

00:00:14: dabei wurden siebzig Menschen verletzt Fünfzehn davon schwer, außerdem gab es mindestens zwei Tote darunter auch ein kleines Kind.

00:00:21: Wir alle kennen Meldungen aus den Nachrichten das es an einem Ort in Deutschland, in Europa oder in anderen Regionen der Welt einen Anschlag gegeben hat.

00:00:31: Mit Anschlägen sind Gewalterreignisse gemeint bei denen ein- oder mehrere zumeist männliche Täter Menschengruppen angreifen zu denen sie kein persönliches Verhältnis haben.

00:00:43: Anschläge hinterlassen bei uns unterschiedliche Gefühle und Gedanken.

00:00:47: Sie bestützen uns, wecken mit Gefühl mit den Opfern und Überlebenden – sie machen uns wütend auf die Täter!

00:00:55: Ein Anschlag kann Gefühlen der Fassungslosigkeit und Ohnmacht hervorrufen und erzeugt Angst.

00:01:01: Nach einem Anschlag stellt sich neben dem Warum auch immer die Frage was jetzt?

00:01:19: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge unseres Podcasts Zankapfel Konflikte Kurz Erklärt, dem Podcast in dem wir Konflikter aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nehmen und nachfragen wo es unbequem wird.

00:01:33: Ich bin Kerstin Eppert und arbeite an der Konfliktakademie Conflikta an der Universität Bielefeld zum Thema Konflekt und Gewalt und begleite euch durch diese Folge.

00:01:44: Heute beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir als Menschen – als Einzelne und auch als Gemeinschaft mit terroristischen Anschlägen umgehen.

00:01:53: Es ist ein Thema das uns alle immer wieder bewegt.

00:01:57: Mal ist es weit weg?

00:01:58: Dann wieder kann es uns aber vielleicht auch sehr direkt berühren!

00:02:02: Aber warum sollten wir über so ein schwieriges Thema

00:02:05: sprechen?!

00:02:13: In dieser Folge zeigen wir unterschiedliche Blickwinkel, aus denen wir auf ein so einschneidendes Ereignis wie einen Anschlag schauen können.

00:02:21: Und wir sprechen darüber was das mit uns macht!

00:02:24: Als Einzelne und als Gemeinschaft müssen wir irgendwie einen Umgang mit den Auswirkungen von Gewaltereignissen finden – und dabei können uns diese Überlegungen helfen.

00:02:35: Wissen hilft zu verstehen und Verstehen ist eine Voraussetzung dafür etwas besser mit den Folgen umzugehen.

00:02:43: Anschläge sind Momente, sogenannte expressiver Gewalt.

00:02:48: Das bedeutet die Tat richtet sich nicht nur gegen die unmittelbaren Opfer sondern entfaltet eine symbolische Wirkung.

00:02:56: Die angegriffenen Menschen stehen zumeist stellvertretend für eine soziale oder politische Gruppe oder eine kulturelle oder religiöse Gemeinschaft, die von den Tätern als Feind betrachtet wird beispielsweise Menschen aus westlichen Gesellschaften, Jüdinnen und Juden oder Geflüchtete.

00:03:16: Ein Anschlag ist also immer auch eine Botschaft, eine die Angst verbreiten und Zugehörigkeit infrage stellen soll.

00:03:27: Warum begehen Menschen solche Taten?

00:03:30: Die Motive können sehr unterschiedlich sein – politische oder religiöse Überzeugungen, psychische Ausnahmezustände aber auch das Bedürfnis nach Macht und Anerkennung.

00:03:43: Hinter diesen Motiven stehen häufig komplexe Lebensgeschichten, nicht selten fühlen sich Täter ohnmächtig ausgeschlossen oder dazu berufen ihr Weltbild und ihre Vorstellung von gesellschaftlichen Zusammenleben durchzusetzen.

00:03:59: Wenn sich solche Deutungen über längere Zeit verfestigen sprechen wir von Radikalisierung.

00:04:06: Victoria Roth ist Soziologin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema.

00:04:11: Es gibt nicht den einen Grund, der die Entwicklung hin zu einer Gewalt hat erklären kann.

00:04:16: Das ist vielmehr ein Zusammenspiel aus persönlichen Erfahrungen, radikalen politischen Ideen und sozialen Netzwerken.

00:04:24: Also wenn Menschen sich ausgegrenzt fühlen oder nach Sinn- und Anerkennung suchen sind sie anfälliger für einfache Botschaften.

00:04:31: Das sind Botschaftendieh scheinbar klare Antworten auf komplexe Fragen des Lebens liefern eindeutige Feindbilder benennen.

00:04:42: Gerade in sozialen Netzwerken, ob nun real oder virtuell werden solche Sichtweisen immer wieder bestätigt und verstärkt.

00:04:49: Im Extremfall können sie sich bei einer Person derart verfestigen das daraus dann der innere Druck entsteht tatsächlich Gewalt anwenden zu müssen.

00:04:56: In den Medien erscheinen terroristische Anschläge oft als allgegenwärtig Und vor allem auch sehr nahe und unmittelbar.

00:05:04: Das liegt zum einen daran, dass uns Meldungen zu politischen Ereignissen oft in Sekundenschnelle erreichen – manchmal noch während des geschieht.

00:05:14: Immer wieder streamen Täter ihre Taten live im Internet und diese Bilder werden wieder und wieder reproduziert.

00:05:21: Wir werden dadurch ungefragt zur Beobachterin und bekommen direkt mit was sich gerade abspielt!

00:05:27: Je häufiger berichtet wird und je mehr es eine menschliche oder räumliche Nähe zwischen uns selbst und den Opfern gibt, desto betroffener fühlen wir uns.

00:05:37: Wenn die Opfer beispielsweise unsere Eltern oder Kinder sein könnten – oder die Betroffenen genauso alt sind wie wir selbst!

00:05:45: Und desto stärker verfestigt sich das Gefühl dass Terror eine ständige Bedrohung ist, die unser Leben mitbestimmt.

00:05:52: Dieses Gefühl der Unsicherheit kann unser Verhalten beeinflussen und erzeugt den Wunsch nach Sicherheit und Kontrolle.

00:06:00: Es wirkt sich auf unsere gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen aus.

00:06:08: Anschläge auf öffentlichen Plätzen treffen immer sehr unterschiedliche Menschen in unserer Gesellschaft, Erwachsene und Kinder, Menschen aller Religionen, Frauen, Männer, queere Personen, Menschen die vor Ort leben aber auch solche, die gerade eher zufällig dort sind.

00:06:26: Eine Gefahrensituation ist erst einmal sehr unübersichtlich – es ist nicht klar was genau passiert ist und die Menschen vor Ort merken auch nicht immer sofort dass sich eine lebensbedrohliche Situation entwickelt hat.

00:06:38: Für überlebende und Angehörige sind Anschläge tiefgreifende Erlebnisse, die das Leben dauerhaft verändern.

00:06:46: Viele von ihnen leiden unter körperlichen Verletzungen psychischen Traumata oder dem Verlust von Angehörigen.

00:06:53: Tobias Hecker ist Psychologe und erklärt, was sich bei einem Trauma in uns

00:06:58: abspielt.".

00:06:59: Nach so einem Anschlag sehen viele immer wieder die Bilder vor sich von dem, was passiert ist.

00:07:04: Viele haben Albträume – für manche führt es sich sogar so an als würden sie das, was Passiertes widererleben!

00:07:10: Sie hören dann die Schreie sind wie im Film und das macht natürlich Angst.

00:07:15: Deshalb sind sie immer auf der Hut sind immer angespannt und schlafen schlecht, und sie versuchen diese Bilder, diese Gedanken zu vermeiden.

00:07:23: Und vermeiden deshalb auch Orte, Menschen, Dinge die Sie an den Anschlag erinnern.

00:07:28: Betroffene brauchen langfristige Unterstützungsangebote.

00:07:32: Manchmal wird der Bedarf erst nach Wochen oder Monaten deutlich.

00:07:36: Es ist wichtig dass sie medizinisch versorgt werden und psychologische Angebote nutzen können.

00:07:43: Ilka Werner ist superintendente des evangelischen Kirchenkreises Solingen und Notfallseelsorgerin.

00:07:49: Aus meiner Erfahrung ist es wichtig, Menschen nach einer Ausnahmerfahrung nicht allein zu lassen – das kann ganz verschieden aussehen, schweigend bei jemandem sitzen, zuhören, emotionaler Achterbahnfahrten mit aushalten und im Gespräch bleiben.

00:08:03: Ganz wichtig, Nichtwerten!

00:08:06: Nichts erwarten.

00:08:07: Es gibt keine richtige Art der Bewältigung und das zu hören tut gut, vor allem wenn man vielleicht an sich selbst irre wird oder andere sagen dass es ja jetzt mal gut sein müsse.

00:08:17: Das zu sagen ist Seelsorge Erste Hilfe für die Seele.

00:08:22: Menschen gehen sehr unterschiedlich mit ihrem Trauma oder ihrer Betroffenheit um.

00:08:27: Die einen brauchen Gespräche und Kontakt, die anderen kommen besser damit klar wenn sie sich zurückziehen oder versuchen schnell in eine Tagesroutine zurückzukommen.

00:08:38: Es hilft Angehörigen und Opfern wenn sie in ihrer Betroffenheit gesehen werden.

00:08:43: Lisa Kretschmer aus Bielefeld hat einen Anschlag persönlich miterlebt.

00:08:47: Nach so einem Anschlag fühlt man sich total hilflos und verletzlich, und man braucht dann in allererster Linie vor allem Nähe und Halt.

00:08:55: Es braucht Menschen die zuhören und einfach da sind ohne zu urteilen.

00:09:00: Und gleichzeitig braucht es darüber hinaus aber Solidarität das eben all die Gefühle, die in so einem Moment zusammenkommen Angst, Wut, Trauer.

00:09:08: Dass die ernst genommen werden und dass die eigene Erfahrung eben vor allem auch nicht für machtpolitische Zwecke genutzt wird sondern gesehen wird als das was sie ist.

00:09:19: Menschen die etwas ganz Schreckliches erlebt haben.

00:09:22: Und ich glaube dieses Gefühl gehalten zu werden und Raum zu haben Für die eigenen Gedanken und Gefühle.

00:09:28: Das gibt Menschen Kraft weiterzumachen.

00:09:30: Im

00:09:30: Nachgang richtet sich der Blick schnell auf die Täter oder auf Sicherheitsmaßnahmen Aber mindestens genauso wichtig ist die Frage, wie wir als Gesellschaft reagieren.

00:09:41: Meine Kollegin Mareike Wilke beschäftigt sich mit der Frage, Wie Menschen in Städten und Orten an denen ein terroristischer Anschlag stattgefunden hat wieder ins Gespräch kommen können?

00:09:53: Dazu spricht sie zum Beispiel mit Vereinen, Bürgerinnen-Initiativen oder auch Mitvertreterinnen der Notfallseelsorge aus den betroffenen Städte.

00:10:02: Im Nachgang zu solchen Taten, wie wir sie in der Vergangenheit erlebt haben ist es ganz wichtig auch darauf zu gucken, wie eine Stadtgesellschaft mit solchen Ereignissen umgeht.

00:10:12: Das ist etwas was ich mir anschaue beziehungsweise wozu ich forsche.

00:10:16: Wie sind einzelne Städte und einzelne Stadtgesellschaften mit solchen Gewalttaten umgegangen?

00:10:21: Und was hat es da an Aufarbeitung gegeben?

00:10:23: Der Umgang mit Anschlägen unterscheidet sich sehr von Ort zur Ort.

00:10:28: Das hat damit zu tun, dass kein Anschlagsgeschehen dem Nächsten gleicht und die Umstände nur begrenzt vergleichbar sind.

00:10:36: Gleichzeitig gibt es wichtige Elemente im Umgang mit dieser Gewalt, die wir an allen Orten finden.

00:10:43: Ich habe Marike gefragt welche Konflikte mit der Auseinandersetzung- und Aufarbeitung verbunden sind – und welcher Handlungsmöglichkeiten für uns als Gesellschaft auch im kleinen Vorort bestehen?

00:10:54: Also wenn es um Handlungsempfehlungen oder Handlungsmöglichkeiten nach so einem Anschlag geht, dann müssen wir uns zuerst darüber bewusst werden.

00:11:03: Ein solches Ereignis ist eine absolute Ausnahmesituation.

00:11:07: Man kann kaum im Voraus planen wie man am besten damit umgeht oder wie so einer Aufarbeitung funktionieren sollte.

00:11:14: Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass es sehr hilfreich ist Räume zu schaffen in denen Menschen über das Erlebte sprechen können.

00:11:21: Orte an denen viele unterschiedliche Personen zusammenkommen und ihre Eindrücke Gedanken und Gefühle teilen.

00:11:28: Ein gutes Beispiel dafür ist das, was wir hier im Bielefeld nach dem Anschlag gemacht haben.

00:11:32: Wir haben damals einen Dialogabend für Bürgerinnen und Bürger organisiert.

00:11:36: Es gab ein kurzen fachlichen Input etwas zu Radikalisierungsphänomen oder dazu, was so ein Trauma mit uns machen kann Und danach sind wir in kleinere Gruppen gegangen und dort haben wir gemeinsam besprochen Was beschäftigt uns denn jetzt eigentlich?

00:11:54: Wir können also festhalten, terroristische Anschläge sind extreme Formen von Gewalt die uns als Einzelne und als Gesellschaft herausfordern.

00:12:04: Wissen, Einordnung und Empathie mit Betroffenen sind entscheidend um diese Ereignisse zu verstehen und ihnen etwas entgegenzusetzen.

00:12:14: Aufarbeitung bedeutet immer mehr als nur Reaktion auf Gewalt.

00:12:19: Sie ist ein Teil von Konfliktbearbeitung dass wir versuchen, einander zuzuhören und gemeinsam lernen.

00:12:29: Jeder kann etwas dazu beitragen!

00:12:34: Das war Zankapfel – Konflikte kurz erklärt Eine Produktion der Konfliktakademie-Konflikter an der Uni Bielefeld.

00:12:42: Wenn euch diese Folge gefallen hat, abonniert unseren Podcast und teilt ihn weiter Bis zum nächsten Mal Und bleibt zugewandt auch in Konflikten

00:12:53: Zankapfel.

00:12:55: Konflikte kurz erklärt!

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